Sanjay Dutt - Familie / Biographie
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Sunil Dutt und Sanjay Dutt
Sanjays Familie
Sanjay Sunil Dutt wurde am 29. Juli 1959 in Bombay/Indien als Sohn zweier Schauspieler-Legenden des Hindi Cinema geboren: Nargis und Sunil Dutt.

Nargis (1. Juni 1929 – 3. Mai 1981), geboren in Kalkutta als Fatima A. Rashid, Tochter der Regisseurin, Sängerin und Schauspielerin Jaddanbai und Schwester des Schauspielers Anwar Hussain. Sie spielte bereits als Kind erste Filmrollen (schon damals unter dem Künstlernamen Nargis = Narzisse), ihre erste Hauptrolle erhielt sie mit vierzehn in Taqdeer. In den 1950ern waren sie und Raj Kapoor ein beliebtes Leinwandpaar, und angeblich gehörten sie auch im wirklichen Leben zusammen, obwohl Raj bereits verheiratet war. Während der Dreharbeiten zu dem Film Mother India (1957), der Nargis zum Fixstern am Himmel des Hindi Cinema machen sollte, verliebte sich Nargis in Sunil Dutt, der ihren Filmsohn spielte; am 11. März 1958 heirateten die beiden (eine für damalige Verhältnisse eher seltene und daher auch sehr umstrittene Heirat eines Hindus mit einer Muslimin) und bekamen in der Folge drei Kinder: Sanjay, Namrata und Priya. Danach war Nargis nur noch sporadisch auf der Leinwand zu sehen und beendete 1967 nach Raat Aur Din ihre Filmkarriere, um sich nur noch ihrer Familie und karitativen Tätigkeiten zu widmen, bis sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte und 1981 starb - fünf Tage vor der Premiere von Sanjays Debütfilm Rocky. In dem Dorf Mandhaulli nahe dem Bezirk Yamuna Nagar (Haryana) erinnert ein Memorial am Ufer des Flusses Yamuna an sie. Bis heute gilt sie als eine der charismatischsten und verführerischsten Schauspielerinnen, die es in der indischen Filmindustrie jemals gegeben hat.
(Informationen über Nargis: Ikonz January 2007. Und hier gibt's wunderschöne Screenshots von Nargis.)

Sunil Dutt (6. Juni 1929 – 25. Mai 2005), geboren als Balraj Dutt. Er war Brahmane und stammte aus Khurd in dem Bezirk Jhelum bei Rawalpindi (im heutigen Pakistan), verlor mit fünf seinen Vater, wurde während der Partition von seiner Familie getrennt und fand sie später in Ambala bei Yamunanagar wieder. Er ging nach Bombay, um am Jai Hind College Kunst zu studieren, und wurde beim Studententheater entdeckt. Er begann seine Karriere als Moderator beim Rundfunk, ehe er Mitte der 1950er Jahre (nach Abschluss seines Studiums) als Filmschauspieler Fuß fasste und 1957 mit seiner Rolle als Birju in dem Oscar-nominierten Film Mother India den Durchbruch schaffte. Bei den Dreharbeiten zu diesem Film gelang es ihm, seiner Filmmutter Nargis das Leben zu retten, als diese in einer Szene von brennende Heuhaufen eingeschlossen war und keinen Fluchtweg mehr fand. Die beiden verliebten sich, und schon bald darauf machte Sunil Nargis einen Antrag und heiratete sie am 11. März 1958. Das Paar bekam drei Kinder: Sanjay, Namrata, genannt Anju, und Priya. Sunils Karriere verlief auch weiterhin erfolgreich; er entwickelte eine große Vielseitigkeit in seinen Rollen und Filmgenres, arbeitete auch als Produzent und Regisseur und gründete seine eigene Produktionsfirma Ajanta Arts, mit der er zudem Entertainment-Touren zu den jawans an der Nordgrenze veranstaltete. Nach Nargis’ Krebstod 1981 initiierte er mehrere karitative Projekte zu ihrer Erinnerung und engagierte sich in der Politik für die Kongresspartei, für die er mehrfach im Parlament saß, zuletzt als Sportminister. 1993 beendete er seine Karriere als Schauspieler, um danach nur noch einmal vor die Kamera zurückzukehren: als Filmvater seines Sohnes Sanjay in Munnabhai MBBS (2003). Am 25. Mai 2005 starb Sunil Dutt in seinem Haus in Bandra/Mumbai im Schlaf nach einem Herzanfall. Ganz Indien trauerte um ihn.
(1996 erhielt Sunil Dutt den Filmfare Lifetime Achievement Award, 2001 den Zee Cine Lifetime Achievement Award; siehe hier. Und er war Träger des Screen Lifetime Achievement Awards.)

Die Dutt-Familie Anfang der 70er Jahre:
Priya, Nargis, Sanjay, Anju und Sunil
Sanjay hat zwei Schwestern: Namrata, genannt Anju (*5. Januar 1962, verheiratet mit Kumar Gaurav, genannt Bunty; zwei Töchter: Saachi und Siya), und die acht Jahre jüngere Priya (*28. August 1966, verheiratet mit Owen Roncon; zwei Söhne: Siddharth und Sumair), die als Politikerin in die Fußstapfen ihres Vaters getreten ist. Sanjay selbst ist derzeit zum dritten Mal verheiratet – nach Richa Sharma und Rhea Pillai nunmehr mit Dilnawaz Shaikh, genannt Maanayata – und hat aus erster Ehe eine Tochter, Trishala (*10. August 1988). Ein zweites Kind ist unterwegs; ein überglücklicher Sanjay bestätigte am 9. Juni 2010, dass Maanayata ein Kind erwartet. :)
Seine erste Frau Richa Sharma (*6.8.), eine aus einer NRI-Familie stammende Schauspielerin, hat Sanjay am 12. Oktober 1987 in New York geheiratet. Kurz nach der Geburt von Trishala erkrankte Richa an einem Gehirntumor. Nach mehreren Operationen und einer ausgedehnten Chemotherapie sah es lange Zeit so aus, als könnte Richa den Krebs besiegen, doch Ende 1995 kehrte der Tumor zurück. Nach einem Schlaganfall im August 1996 konnten die Ärzte schließlich nichts mehr für sie tun. Richa starb am 10. Dezember 1996. Obwohl ihre Ehe mit Sanjay zu diesem Zeitpunkt längst gescheitert war, fühlte sich Sanjay bis zuletzt für sie verantwortlich und unterstützte sie, soweit es ihm möglich war. Genauere Informationen zum Verlauf von Richas Krankheit gibt es hier.
Als Folge dieser Krankheit verlor Sanjay zugleich das Sorgerecht für seine kleine Tochter. Während Richas Krebsbehandlung in den USA lebte das Kind bei Richas in Amerika ansässiger Familie in Bayside, Queens, New York. Schon bald erhob die Familie Sharma Sanjay gegenüber Vorwürfe, er würde sich viel zu wenig um seine Tochter kümmern und verbrächte zu wenig Zeit bei seiner Familie. Sanjay reagierte darauf mit dem Hinweis, dass er schließlich arbeiten müsse, um u.a. Richas Krankenhausrechnungen zu bezahlen, und sein Arbeitsplatz seien nun einmal die Filmsets in Indien. Er flog ohnehin schon in jeder freien Minute in die USA zu Richa und Trishala, mehr war nicht drin. Nach Richas Tod spitzte sich die Situation zu: Sanjay war bereit, Trishala bei den Sharmas zu lassen, da er das amerikanische Schulsystem dem indischen vorzog und Trishala nicht aus ihrer vertrauten Umgebung reißen wollte. Dafür verlangte er lediglich, Trishala jederzeit besuchen und dann auch mit ihr allein sein zu dürfen. Als die Sharmas ihm das verweigerten und ihm das Besuchsrecht offiziell entziehen lassen wollten (17. Juli 1998), kam es darüber zu einem Rechtsstreit, der Anfang 1999 mit einer außergerichtlichen, gütlichen Einigung endete. In all der Zeit und auch danach hielten Sanjay und Trishala ihren Kontakt per Telefon und E-Mail aufrecht. Die beiden lieben sich sehr und haben ein wunderbares Vater-Tochter-Verhältnis. Trishala haz am John Jay College of Criminal Justice in New York Forensic Science (Gerichtswissenschaften) studiert, und Sanjay ist sehr stolz auf seine Tochter.

Sanjay Dutt und seine Tochter Trishala, Januar 2007
Sanjays zweite Ehefrau, das Model Rhea Pillai, war ihm eine feste Stütze während seiner Monate im Gefängnis, als er unter Terrorismusverdacht stand. Rhea hielt damals felsenfest zu ihm, und für Sanjay war sie "wahrscheinlich das beste, was mir je passiert ist“. Nach seiner Freilassung auf Kaution im Oktober 1995 wurde allgemein eine baldige Scheidung von Richa und eine Heirat mit Rhea erwartet, doch da sich gerade zu diesem Zeitpunkt Richas Gesundheitszustand wieder verschlechterte, kam eine solche Vorgehensweise für Sanjay nicht in Frage. Er blieb bis zum Schluss an Richas Seite, und auch danach konzentrierte er sich zunächst auf dringlichere Entscheidungen in seinem Leben wie sein Besuchsrecht für Trishala und sein laufendes TADA-Verfahren. Insofern kam Rheas und Sanjays Hochzeit am Valentinstag 1998 (eine Nacht-und-Nebel-Aktion im Mahalaxmi Mandir in Mumbai) dann doch wie eine kleine Überraschung. Doch auch diese Ehe war nicht von Dauer; 2001 kamen erstmals Gerüchte über eine Ehekrise auf, 2003 wurde bekannt, dass die beiden sich getrennt hatten; 2008 wurden Sanjay und Rhea geschieden. Rhea lebt mittlerweile mit dem (zuvor mit Mahima Choudhary liierten) Tennisspieler Leander Paes zusammen, mit dem sie die Tochter Aiyana hat; die Angaben, ob die beiden verheiratet sind, sind ebenso widersprüchlich wie die um Sanjays Scheidung, von der bereits seit 2005 die Rede war, obwohl sie definitiv erst 2008 vollzogen wurde.
Daneben wurden Sanjay schon immer auch eine Menge Affären nachgesagt, vor allem mit seinen Filmpartnerinnen – von Rati Agnihotri über Kimi Katkar bis hin zu Madhuri Dixit, von der es sogar heißt, die beiden seien so verliebt gewesen, dass sie feste Heiratsabsichten gehabt hätten. Sowohl Sanjay als auch Madhuri haben eine solche Affäre jedoch stets dementiert. Eine Weile hat Sanjay auch ein wenig gegen sein Casanova-Hengst-Image protestiert, aber bei seinem Auftritt bei Koffee with Karan im März 2007 gab er durchaus zu, sich immer wieder mal (um nicht zu sagen: viel zu oft) zu verlieben... Feste Freundinnen an seiner Seite waren zu Beginn seiner Karriere seine Kollegin Tina Munim und nach der Trennung von Rhea Nadia Durrani.
Am 11. Februar 2008 hat Sanjay in einer Hindu-Zeremonie seine Freundin Manyata (geboren als Dilnawaz Shaikh) geheiratet. Allerdings stand diese Ehe anschließend unter Beschuss, da Manyatas Ex-Ehemann Mehraj Rehman behauptete, sie sei nie rechtkräftig von ihm geschieden worden. Ein Gerichtsverfahren in dieser Angelegenheit endete im Mai 2008 mit einer Entscheidung zugunsten von Sanjay und Manyata.

Sanjays Leben
"Es gibt Zeiten, da spüre ich mein Alter überhaupt nicht, aber es gibt auch Zeiten, in denen ich das Gefühl habe, mehr als nur diese 50 Jahre gelebt und gesehen zu haben. Im Herzen jedoch werde ich immer der Baba meiner Mutter sein." (Sanjay Dutt, 2009)
Als Sohn zweier Legenden des Hindi Cinema, so heißt es oft, sei Sanjay mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden. Doch einen Prominentenbonus gab es für ihn nur selten, im Gegenteil: Sohn zweier Berühmtheiten zu sein hat ihm das Leben von Anfang an nur schwer gemacht. Das begann bereits während seiner Schulzeit in der Lawrence School, Sanawar, in den Bergen von Himachal Pradesh, einem Internat britischen Stils (ab 1964). Offenbar war Sanjay ein guter Schüler mit wenig Hang zu Unfug und Regelüberschreitungen; seine Hauptinteressen galten dem Sport, außerdem spielte er leidenschaftlich gerne Schlagzeug. Die Lehrer jedoch wollten sich wohl auf keinen Fall nachsagen lassen, dass der Sohn zweier Film-Ikonen bei ihnen eine Vorzugsbehandlung genösse - mit dem Ergebnis, dass Sanjay mehr Prügel bekam als jeder andere Schüler. "Einmal“, so berichtet Suketu Mehta in seinem Buch Bombay - Maximum City, "musste er wegen eines kleineren Vergehens auf Händen und Knien einen steinigen Hang hinaufkriechen. Er holte sich blutige Knie und Hände. Am nächsten Tag riss der Lehrer die Verbände weg und verlangte, dass er denselben Hang noch einmal hinaufkroch. Ein anderes Mal wurde er so heftig geprügelt, dass er Wundbrand bekam, weil das betroffene Gewebe nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt wurde. Seine Eltern mussten ihn ins Krankenhaus nach Delhi bringen." Leider erzählt das Kapitel nicht, ob die Eltern bei der Gelegenheit auch mal bei den Lehrern interveniert haben; in ihrem Interesse will ich es wenigstens hoffen. Jedenfalls hat das Motto seiner Schule Sanjay offensichtlich geprägt; es lautet "Never give in" (Gib niemals auf).
Ein Kunststudium am Elphinstone College brach Sanjay nach einem Jahr ab – wissend, dass er sich dafür nicht eignete. Stattdessen eröffnete er seinem Vater den Wunsch, Schauspieler zu werden. Dieser schickte Sanjay daraufhin zwei Jahre lang in die Tretmühle – Schauspiel- und Sprechunterricht, Reit- und Kampftraining etc. –, bevor er ihm 1981 seinen ersten Film Rocky ermöglichte, bei dem er Regie führte. Rocky stand unter keinem guten Stern, er überkreuzte sich mit der Krebserkrankung und dem Tod von Nargis, und er wurde auch kein besonderer Erfolg. Aber immerhin eroberte Sanjay eine Menge Mädchenherzen und erhielt weitere Rollenangebote – wobei Sunil Dutt ehrlich genug war, die Produzenten auf ein Problem seines Sohnes hinzuweisen: Sanjay nahm bereits seit Jahren Drogen. Er hatte damit angefangen, weil es unter den Jungs in Bombay "in“ war, und war später nie wieder von dem Teufelszeug weggekommen. Erst nach acht, neun Jahren Kokain, Heroin & Co. schaffte es Sanjay, seinen Vater um Hilfe zu bitten, und nach einer erfolgreichen Entzugskur in einer amerikanischen Klinik kehrte er völlig clean nach Indien zurück, nachdem er ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, in den USA zu bleiben und Rancher zu werden – aber Sunil Dutt hatte es geschafft, ihn zur Rückkehr zu bewegen. (Hier erzählt Sanjay über seinen Entzug und die erfolgreiche Langzeittherapie in Jackson, Mississippi.)
Die Filmindustrie, die Sanjay nach seinen ersten und nicht zuletzt aufgrund seines Drogenkonsums eher schwachen Filmleistungen bereits abgeschrieben hatte, staunte nicht schlecht, als ein wie neugeborener und völlig veränderter Sanjay, der vor Energie beinahe zu platzen schien, ins Filmgeschäft zurückkehrte. Mahesh Bhatt bot ihm mit Naam eine Riesenchance, und Sanjay nutzte sie – Naam wurde ein Hit und Sanjays grandiose Leistung darin zum Auftakt einer Karriere, in der er sich von da an auf jedem Gebiet kontinuierlich weiterentwickeln und zu einem vielseitigen Charakterdarsteller werden sollte. (Sanjay bezeichnet bis heute seine Rolle als Vicky in Naam als Schlüsselerlebnis, das ihm sein schauspielerisches Potential so richtig bewusst hat werden lassen).

Sanjay Dutt in dem Film Naam
Allerdings wäre mit dieser Karriere nur kurze Zeit später um ein Haar schon wieder Schluss gewesen: Sanjay hatte nach seiner Drogenreha angefangen, regelmäßig zu trainieren und Gewichte zu stemmen, um in Form zu bleiben. Vermutlich als Folge davon erlitt er am 10. August 1987, nur neun Tage nach seiner Verlobung mit Richa Sharma in New York, einen schweren Lungenkollaps - ein seltenes Leiden, das üblicherweise nur Athleten befällt (nach Auskunft der Ärzte war es nicht auf seine Drogenvergangenheit zurückzuführen) und im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Zum Glück konnte er in New York sofort richtig behandelt und operiert werden, so dass er die kritische Phase überlebte; allerdings durfte er danach über Monate nicht körperlich arbeiten und fiel erneut für eine ganze Weile an den Filmsets aus.
Doch Sanjay ließ sich auch diesmal nicht unterkriegen. Sobald es ihm erlaubt war, nahm er sein regelmäßiges Training wieder auf. Dank seines immer muskulöser werdenden Traumkörpers und seiner gediegenen Ausbildung in den Martial Arts wurden ihm mehr und mehr Action-Rollen angeboten, wobei diese sich dadurch auszeichneten, dass sie nicht einfach nur knallharte Kampfmaschinen waren. Sanjays große Stärke vor der Kamera war von Anfang an seine Emotionalität gewesen, und entsprechend waren seine Rollen fast immer eine ausgewogene Mischung aus viel Gut, wenig Böse, viel Action und einem mehr oder weniger starken Anteil an Herz und Gefühl. So liebte ihn das Publikum – aber es akzeptierte ihn auch in ungewohnten Rollen, sei es als verkrüppelter Poet in Saajan oder als Komiker in Thanedaar, wo er an der Seite von Madhuri Dixit mit "Tamma Tamma“ auch seinen Durchbruch als Tänzer feiern konnte.

Anfang der 1990er Jahre befand sich Sanjay auf dem Höhepunkt seiner Karriere; er war ein Superstar, Millionen Frauen und Mädchen lagen dem langhaarigen muskulösen Adonis zu Füßen, und Filme wie Sadak und Khalnayak untermauerten seine Ausnahmestellung als Action-Hero. Umso brutaler schlug das Schicksal erneut zu: Während der Mumbaier Unruhen von 1992/93 hatte die Dutt-Familie betroffenen Muslimen geholfen und war dafür von radikalen Hindus massiv mit Brandschatzung und Tod bedroht worden. Um seine Familie im Notfall beschützen zu können, besorgte sich Sanjay eine AK-56. Als kurz darauf bei den Mumbai Blasts am 12. März 1993 257 Menschen starben und 713 verletzt wurden und die Polizei einen Tipp erhielt, dass Sanjay von Beteiligten dieses Terroraktes eine automatische Waffe erhalten hatte, geriet Sanjay ins Visier der Ermittler. Als er von Aatish-Dreharbeiten auf Mauritius nach Indien zurückkehrte, wurde er wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet, kam jedoch schon nach kurzer Zeit auf Kaution frei. Am 4. Juli 1994 wurde ihm allerdings diese Kaution wieder entzogen, da er mittlerweile in den Verdacht der Beteiligung an der terroristischen Verschwörung geraten war und damit unter das Terror-Sondergesetz TADA fiel. Er wurde erneut inhaftiert und verbrachte weitere fünfzehn Monate im Gefängnis, bis der Supreme Court ihm nach mehreren vergeblichen Bemühungen seitens der Dutts am 17. Oktober 1995 endlich erneut Kaution gewährte. Seitdem lebte Sanjay ein Leben nominell in Freiheit, das jedoch in der Praxis komplett von den Kautionsbestimmungen geregelt und eingeschnürt war. (Und selbst nach mittlerweile über vierzehn Jahren ist der Albtraum noch immer nicht vorbei; zwar hat Richter Kode Sanjay am 28. November 2006 von allen TADA-Vorwürfen freigesprochen und damit das Stigma des Terroristen, unter dem Sanjay und seine gesamte Familie jahrelang furchtbar gelitten haben, von ihm genommen, doch es blieb noch der Schuldspruch wegen illegalen Waffenbesitzes, für den Sanjay am 31. Juli 2007 zu einer sechsjährigen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt wurde; allerdings hat Sanjay dieses Urteil angefochten und befindet sich daher derzeit erneut auf Kaution in Freiheit.)
(Ausführliche Informationen über den TADA-Fall sind auf der entsprechenden Seite dieser Website zu lesen.)
Während Sanjay nach seiner Freilassung darum kämpfte, im Filmgeschäft wieder Fuß zu fassen, traf ihn eine weitere private Katastrophe: Seine Frau Richa, die nach ihrer Krebserkrankung auf dem Wege der Besserung war, erlitt einen Rückfall. Obwohl die Ehe zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert war, stand Sanjay ihr bis zu ihrem Tod im Dezember 1996 mit unerschütterlicher Loyalität bei. Danach kam es allerdings zu einem erbitterten Rechtsstreit zwischen Sanjay und Richas Familie um die kleine Trishala: Die Sharmas, bei denen das Kind lebte, wollten Sanjay sogar das Besuchsrecht für seine Tochter entziehen, und so hatte Sanjay zusätzlich zu seinem TADA-Verfahren einen weiteren Gerichtsstreit auszufechten, an dessen Ende 1999 eine gütliche Einigung stehen sollte. Wie schon während der langen Monate seiner Haft waren ihm auch in dieser Zeit seine Familie und seine neue Freundin Rhea Pillai, die er 1998 heiratete, eine unschätzbare Stütze. In diesen Jahren arbeitete er bis zum Umfallen und schaffte mit Daag, Kartoos und Haseena Maan Jayeegi einige große Hits, ehe er 1999 mit seiner grandiosen Energieleistung als Raghubhai in Vaastav wieder ganz an die Spitze zurückkehrte (und endlich – unbegreiflicherweise erstmals in seiner langen Karriere – auch greifbare Anerkennung in Form von Awards entgegennehmen durfte). Weitere großartige Leistungen wie Mission Kashmir, Baaghi, Kurukshetra und Pitaah untermauerten Sanjays Ausnahmerang unter den Schauspielern des Hindi Cinema.

Sanjay Dutt in dem Film Vaastav
Inzwischen hatte er sich auch weitere Terrains erobert, fungierte des öfteren als Playback-Sänger in seinen Filmen und hatte zusammen mit seinem Freund, dem Regisseur Sanjay Gupta, die Produktionsfirma White Feather Films gegründet. 2003 dann erhielt er durch einen Zufall die Rolle seines Lebens: Shahrukh Khan hatte wegen seiner Rückenoperation die Titelrolle in Vidhu Vinod Chopras Munnabhai MBBS absagen müssen, und Chopra vertraute die Rolle des liebenswerten Gauners mit Herz daraufhin Sanjay an, der eigentlich nur für eine kleine Nebenrolle in dem Film vorgesehen war. Munnabhai MBBS wurde für Sanjay so im doppelten Sinne zum Glücksfall: Nicht nur, dass er durch seine hinreißende Darstellung zur Inkarnation des Munnabhai wurde – für diesen Film trat zudem zum ersten Mal seit vielen Jahren und trotz gebrochener Schulter noch einmal sein Vater vor eine Kamera. Sunil und Sanjay hatten ein unglaublich enges Vertrauensverhältnis zueinander; Sunil war Sanjay in all den Krisenjahren immer eine feste Stütze gewesen, hatte nie das Vertrauen in seinen Sohn verloren und war bis zuletzt stolz auf ihn – was Sanjay unendlich viel bedeutet. Sanjay fühlt sich seinem Vater auch heute noch spirituell verbunden und kommuniziert in seinem Inneren mit ihm. Bei ihren gemeinsamen Szenen brauchten die beiden denn auch nicht viel zu spielen – die Emotionen waren echt: Munnas Gesichtsausdruck, wenn ihm bewusst wird, wie sehr er seinen Vater durch seine Lügen verletzt hat, oder die versöhnende Umarmung von Vater und Sohn am Ende, diese Liebe und Dankbarkeit, die Munna da hinein legt – das ist nicht gespielt von Sanjay, das ist echt (und in einer Making-Of-Aufnahme von den Dreharbeiten zu dieser Szene ist auch deutlich zu sehen, dass Sanju an dieser Stelle hemmungslos geweint hat). Für ihn stand in diesem Moment nicht sein Filmvater vor ihm, sondern sein richtiger Vater, für den er diese Liebe und Dankbarkeit nach all den schweren Krisen, die die beiden gemeinsam durchlitten haben, auch im reellen Leben empfindet. Man möchte nicht glauben, dass dies die einzige Zusammenarbeit vor der Kamera ist, die diesen beiden großen Gestalten des Hindi Cinema jemals vergönnt war – und wenn man sieht, welch eine wunderbare Chemie Vater und Sohn Dutt auch auf der Leinwand zusammen hatten, kann man nur bedauernd feststellen: ein Jammer. Zumal es nach Sunils Tod im Jahr 2005 auch keine Möglichkeit mehr gibt, dieses Versäumnis wettzumachen. (Wie sehr der Tod des wichtigsten Vertrauten in seinem Leben Sanjay getroffen hat, bekannte er seitdem in zahlreichen Interviews; am unmittelbarsten jedoch vermutlich in einem Gespräch mit der Filmfare nur wenige Wochen nach Sunils Tod.)

Sanjay Dutt in dem Film Annarth
2006 wurde für Sanjay zu einem weiteren Schicksalsjahr. Zum einen katapultierte ihn der Nachfolgefilm zu Munnabhai MBBS, Lage Raho Munnabhai, in ungeahnte Dimensionen der Popularität. Das Magazin Stardust konstatierte später in seinem Jahrbuch: "Wer hätte jemals gedacht, dass der Nachfolgefilm von Munnabhai MBBS am Ende noch mehr Geld einspielen würde als das Original? Dank Sanjay Dutt hielt ein neuer Terminus Einzug im Land – Gandhigiri. Der Mann, der im wirklichen Leben eine Klage wegen Anstiftung zu Gewalt am Hals hatte, vermittelte auf seine einzigartige und unnachahmliche Art die Botschaft von Frieden und Gewaltlosigkeit.“ Umso intensiver beteten Millionen Fans gegen Ende des Jahres, als die Urteilsverkündungen im TADA-Prozess näher rückten, in allen Tempeln, Moscheen und Kirchen Indiens (und weltweit) für Sanjay Dutt. Ihr Glaube an seine Unschuld fand seine Bestätigung durch die TADA-Freisprüche am 28. November 2006, und sie standen auch nach seiner Verurteilung zu sechs Jahren Haft wegen illegalen Waffenbesitzes zu ihm. Und sie werden auch nach seiner erneuten Freilassung auf Kaution nie aufhören, für ihn zu beten.
Als Schauspieler hat Sanjay Dutt alles erreicht und muss, ähnlich wie Amitabh Bachchan, niemandem mehr etwas beweisen. Um noch einmal die Stardust zu zitieren: "Seine eindrucksvollen Leistungen in Filmen wie Zinda und Tathastu haben seinen Status als Schauspieler von Substanz zusätzlich erhöht. Kein anderer Schauspieler seines Alters vermochte das Publikum derart mitzureißen wie Sanjay, und das ist sein größter Erfolg.“

Sanjay Dutt in Lucknow, Januar 2009
Ende Mai 2008 äußerte Sanjay erstmals Ambitionen, nach Schauspiel, Produktion und Sozialarbeit auch auf dem Gebiet der Politik dem Vorbild seines verehrten Vaters folgen zu wollen. Zudem ist er noch immer dick im Filmgeschäft, sein Marktwert ist gestiegen, er ist für die nächsten Jahre ausgebucht, produziert Filme für sein eigenes Banner Sanjay Dutt Productions und schreibt seine Autobiographie. Im Dezember 2008 ernannte die Intergovernmental Institution for the use of Micro-algae Spirulina Against Malnutrition (IIMSAM) Sanjay zu ihrem UN Goodwill Ambassador, der die von den United Nations initiierte Bekämpfung von Unterernährung und Hunger unterstützen soll. Im Januar 2009 ging Sanjay dann tatsächlich in die Politik und war von April 2009 bis Januar 2010 Generalsekretär der Samajwadi Partei; eine Kandidatur für die Parlamentswahlen im Wahlbezirk Lucknow war ihm allerdings aufgrund seiner Verurteilung nicht möglich, eine entsprechende Eingabe an den Supreme Court wurde am 31. März 2009 abgelehnt.
Immerhin, an Ruhestand denkt Sanjay Dutt noch lange nicht. Gott sei Dank.

Sanjay Dutt, Oktober 2009
Ein schöner Artikel über Sanjay Dutts Leben ist "What a Life!" aus der Hindustan Times vom 10. Februar 2007.
Einen bewegenden Bericht über Sanjays Gefühle nach dem Tod seines Vaters und der Geburt seines Neffen Siddharth veröffentlichte die Filmfare im Januar 2006.

Die Dutt-Familie Anfang der 2000er Jahre: v.l. Namrata, Siya, Kumar,
Sunil (vorne), Sanjay, Sacchi, Owen und Priya

Zee Premiere 12/1998